Im Nagelstudio

Eine linke Hand kann wenig. Meine ist zum Beispiel nicht in der Lage, die Fingernägel meiner rechten Hand so zu lackieren, dass es anders aussieht als bei einer Fünfjährigen. Deshalb gönne ich mir in meinem neuen Leben (arbeitslos, äh, freischaffend) den Luxus einer Maniküre alle paar Tage. Der Laden ist klein, unspektakulär und im Fernseher läuft CNN. Meine Freundin Suse hat ihn mir empfohlen, hier sei es günstig und gut zugleich. Ich sitze Indira gegenüber. Sie kommt aus Nepal und es verbietet sich von vorneherein jeder Vergleich mit gleichnamigen Frauen. Indira kümmert sich knapp eine Stunde um meine Fingernägel und hat dabei Zeit zum Quatschen. Woher ich käme, warum ich hier sei, warum ich denn wieder weg wolle, gefalle es mir hier etwa nicht usw. Wir reden natürlich auch über den Mann, also meinen, den ich nur so nenne, der aber ja eigentlich mein Boyfriend ist. Da leuchten ihre Augen. Warum sind wir denn noch nicht verheiratet? Ja warum denn nicht? Ich erzähle ein bisschen, zum Beispiel von seiner Dissertation in Amerikanistik und dann sagt Indira: “Wait ’til he’s a doctor! Then you get married!” Ich stelle mir den Mann im weißen Kittel vor und versuche zu erklären, dass er als Dr. nicht zwangsläufig zu einer besseren Partie wird. Aber das ist egal, die Nägel sind fertig und so gut wie jetzt sahen sie noch nie in meinem ganzen Leben aus. Weil sie noch etwas trocknen müssen, zieht mir Indira meine Jacke an, setzt mir die Mütze auf und schiebt mir meinen (nicht Verlobungs-)Ring zurück an den Finger. Das finden wir beide niedlich.

Hood

Hipster Beach ist zugeschneit. Nichts deutet an diesem Sonntag auf den massiven Andrang hin, von dem mir ein Bekannter erzählt hat. Im Sommer, so sagt er, stapeln sich hier die Leute, die alle ähnlich aussehen und dreingucken. Sie tragen große Brillen, enge Hosen, haben die Haare an der Seite abrasiert und schauen meistens sehr gelangweilt. So war es zumindest im vergangenen Sommer, von den Moden des kommenden wissen wahrscheinlich noch nicht einmal sie selbst etwas. Auf jeden Fall ist gerade kaum ein Hipster da, kein Wunder, am “Beach” liegt tonnenweise Schnee. Streng genommen ist es auch kein Strand, es ist der East River State Park an der Westseite Brooklyns. Die Fläche am Wasser ist nicht groß, statt eines Sandstrandes verbinden große, dreckige Steine und Warnschilder das Land mit dem Wasser, aber der Ausblick ist grandios. Man schaut über den breiten Fluss rüber nach Manhattan, geradeaus auf die Lower East Side und schräg rechts auf die berühmte Skyline. Dieser Blick ist deshalb so besonders, weil ihn keiner verbauen darf, so wie den Rest des Uferstreifens. Rund um den Park türmen sich – wenn auch keine Wolkenkratzer, dann doch für die Gegend ungewöhnlich hohe und befremdlich glasige – Wohnhäuser. Sie sollen junge Familien aus Manhattan anlocken, die hier für weniger Miete auf größerem Raum wohnen könnten. Sie sollen sehen, was die Hipster schon lange wissen – Williamsburg ist ein guter Stadtteil, mit kleinen Läden, höchstens vierstöckigen Häusern und jeder Menge Charme. Nur ein paar Querstraßen vom Park entfernt zieht sich die Bedford Avenue durch das Viertel, sie ist auf einem kleinen Teilstück der Catwalk der Hipster. Die Mieten sind zwar lange nicht mehr so günstig wie vor ein paar Jahren noch, aber man sieht die Leute ganz alternativ in Second-Hand-Läden stöbern, Bio-Gemüsestände aufsuchen und handgemachten Bio-Käse kosten. Das ist alles total schön und liebenswert, ab und zu aber auch anstrengend anzusehen. Im Café sitzt zum Beispiel ein Pärchen am Nachbartisch, das zwar so ausschaut, als würde es die Sachen der Urgroßeltern auftragen, dann aber die teure, vegane Speisekarte hoch und runter bestellt. Die Beiden stapeln einen Bücherturm vor sich auf, der jedes Klischee erfüllt – “French Grammar, “French Verbs”, “Kamasutra”- rühren aber keines davon an. Sie geben stattdessen ihre Bestellung auf, dann telefoniert das Mädchen und ihr Freund – was tut er da? – er ritzt ihr Anlitz in einer Kupferplatte. Natürlich. Er schaut abwechselnd auf sie und die Platte und ich frage den Mann, etwas enttäuscht von unserem schlichten Kuchendate zum Sonntag, warum er das eigentlich noch nie getan hat. Warum hat er mich noch nie irgendwo reingeritzt?
Abgesehen von diesen komischen Menschen, die einem ja in jeder Großstadt in einem bestimmten Viertel begegnen, ist Williamsburg wirklich schön. Einerseits groß genug, dass man auch auch normale Menschen auf der Straße trifft und dann wieder klein genug, um ganz fix in den vielen schönen Bars, Kneipen und Konzertsälen zu sein. In den meisten Ecken ist das Viertel zum Glück komplett unhip, manchmal niedlich und oft ein wenig runtergekommen. Die Mieten sind in diesen Ecken noch okay und Manhatten trotzdem nur drei Ubahnstationen oder einen Ausflug zum Hipster Beach entfernt.

 

Woche 1

NYC | Julie Fahrenheit

Da wären wir also. Drei Monate haben begonnen, in der besten Stadt der Welt, wie es immer heißt. Nach einer Woche bin ich vorallem froh, dass mehr Zeit bleibt. Eine Woche ist ja normal für einen Urlaub hier, vielleicht noch eine mehr, aber ich kann mir immer weniger vorstellen, wie das gehen soll, wie man diese atemberaubende Stadt in so kurzer Zeit begreifen soll. Nicht mal die drei Monate werden dafür reichen, aber wenigstens lassen sie Zeit zu sagen “Hier geh’ ich nochmal hin!/ Das guck ich mir später nochmal genauer an!/ Da mach ich nochmal Fotos von!” In Woche 1 habe ich bei all dem Laufen und Gucken nur mit dem Telefon draufgehalten, weil man diese tausend Möglichkeiten ein gutes Bild zu machen nun auch nicht einfach so vorbeigehen lassen kann. Ich habe hingeschaut und hingehört und versucht mir alles ganz genau zu merken. Zum Beispiel: (more…)

A Visual Life

Die Sache mit den meisten Mode- oder Street Style-Blogs ist die, dass ich meistens laut schreien möchte beim Durchklicken. Menschen, die sich unglaublich toll finden, stehen da in ihren schrecklichen Klamotten und gucken arrogant in die Kamera, als hätten sie seit Jahren nur für diesen Moment geübt. Man stellt sie sich vor, wie sie zuhause vorm Spiegel stehen, die Füße ineinanderdrehen und verschiedene Blicke einstudieren. Diese Bilder und diese Art der Künstlichkeit machen mich so überhaupt nicht an.
Und dann ist da The Sartorialist, ein Blog mit Fotos von gut gekleideten Menschen. Und “gut” bedeutet hier nicht, um jeden Preis aufzufallen, sondern exzellenten Geschmack so zu tragen, dass nichts aufgesetzt und unnatürlich wirkt. In diesem kurzen Portrait erzählt Scott Schumann, dass er am Tag nur wenige Motive sieht, die er knipsen möchte. Wie seine Augen auf der Suche nach ihnen hin- und herflitzen, ist nur einer der beeindruckenden Aspekte des Films.

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