ALLTAG

Im Nagelstudio

Eine linke Hand kann wenig. Meine ist zum Beispiel nicht in der Lage, die Fingernägel meiner rechten Hand so zu lackieren, dass es anders aussieht als bei einer Fünfjährigen. Deshalb gönne ich mir in meinem neuen Leben (arbeitslos, äh, freischaffend) den Luxus einer Maniküre alle paar Tage. Der Laden ist klein, unspektakulär und im Fernseher läuft CNN. Meine Freundin Suse hat ihn mir empfohlen, hier sei es günstig und gut zugleich. Ich sitze Indira gegenüber. Sie kommt aus Nepal und es verbietet sich von vorneherein jeder Vergleich mit gleichnamigen Frauen. Indira kümmert sich knapp eine Stunde um meine Fingernägel und hat dabei Zeit zum Quatschen. Woher ich käme, warum ich hier sei, warum ich denn wieder weg wolle, gefalle es mir hier etwa nicht usw. Wir reden natürlich auch über den Mann, also meinen, den ich nur so nenne, der aber ja eigentlich mein Boyfriend ist. Da leuchten ihre Augen. Warum sind wir denn noch nicht verheiratet? Ja warum denn nicht? Ich erzähle ein bisschen, zum Beispiel von seiner Dissertation in Amerikanistik und dann sagt Indira: “Wait ’til he’s a doctor! Then you get married!” Ich stelle mir den Mann im weißen Kittel vor und versuche zu erklären, dass er als Dr. nicht zwangsläufig zu einer besseren Partie wird. Aber das ist egal, die Nägel sind fertig und so gut wie jetzt sahen sie noch nie in meinem ganzen Leben aus. Weil sie noch etwas trocknen müssen, zieht mir Indira meine Jacke an, setzt mir die Mütze auf und schiebt mir meinen (nicht Verlobungs-)Ring zurück an den Finger. Das finden wir beide niedlich.

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Woche 1

NYC | Julie Fahrenheit

Da wären wir also. Drei Monate haben begonnen, in der besten Stadt der Welt, wie es immer heißt. Nach einer Woche bin ich vorallem froh, dass mehr Zeit bleibt. Eine Woche ist ja normal für einen Urlaub hier, vielleicht noch eine mehr, aber ich kann mir immer weniger vorstellen, wie das gehen soll, wie man diese atemberaubende Stadt in so kurzer Zeit begreifen soll. Nicht mal die drei Monate werden dafür reichen, aber wenigstens lassen sie Zeit zu sagen “Hier geh’ ich nochmal hin!/ Das guck ich mir später nochmal genauer an!/ Da mach ich nochmal Fotos von!” In Woche 1 habe ich bei all dem Laufen und Gucken nur mit dem Telefon draufgehalten, weil man diese tausend Möglichkeiten ein gutes Bild zu machen nun auch nicht einfach so vorbeigehen lassen kann. Ich habe hingeschaut und hingehört und versucht mir alles ganz genau zu merken. Zum Beispiel: (more…)

Dekade

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Vor zehn Jahren war ich 18, noch ohne Abitur und Führerschein. Ich wusste schon, was ich ab Herbst studieren würde und ich konnte es kaum erwarten, zuhause auszuziehen und das richtige Leben zu beginnen. Es fühlte sich damals alles an wie ein Berg, der überwunden werden musste, dahinter schien die Sonne noch heller, funkelten die Sterne noch mehr als damals.
Natürlich war dann alles nicht so einfach, wie es sich die kleine Julie vorgestellt hatte. Die neue Stadt war am Anfang eher deprimierend als inspirierend, aus dem Studium musste sie sich selber das Passende basteln und so richtig “richtig” hat sich alles nicht gleich angefühlt. Hat es auch die Jahre danach manchmal nicht, aber die Zweifel und die Unzufriedenheit haben mich rückblickend betrachtet immer sehr gut vorangetrieben. Die Philosophien, die ich rauchend und trinkend an diversen Küchentischen durchgenudelt habe, sitzen heute tiefer als Luhmann oder LaRoche. Der Abschluss ist trotzdem geschafft und nebenbei hatte ich die wirklich beste Zeit, die ich mir nur wünschen konnte. Ich bin um die Welt gereist (wenn auch noch nicht genug), habe großartige Menschen zum Freund gehabt (die besten davon sind heute noch da), war auf gefühlten tausend Konzerten und Parties und habe einige davon selbst gerockt. Ich habe viele wunderbare und zum Glück nur wenige schreckliche Interviews geführt, viele Texte geschrieben, noch mehr in Mikrophone geredet, ich habe mich ausprobiert und bin damit noch lange nicht fertig. Ich hatte oft den Gedanken “Das, genau das ist Glück” und manchmal dachte ich auch, dass das hier alles keinen Sinn hat, dass ich es nicht hinbekomme so wie ich es mir vorstelle, dieses Leben. Einmal in dieser Dekade hat es mir den Boden unter den Füßen weggezogen, einfach so und sofort wurde ich damit beauftragt diesen Boden neu zu bauen. Ich habe es versucht und dann aufgehört, weil es nicht meine Aufgabe ist, so gerne ich auch wollen würde. Am Ende kam Vieles anders und trotzdem richtig und quasi als Finale dieser Dekade ist es endlich da, das ganz große Glück, der Eine, für immer, ganz sicher.
Jetzt kann es weiter gehen, “Alle zehn Jahre etwas Neues” hat jemand gesagt. Der nächste Berg ist fast geschafft und ich hoffe da drüben scheint die Sonne genauso hell wie hier, funkeln die Sterne über mir genau so lustig. Vielleicht aber in einem anderen Licht, hellblau oder so.

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Ich werde gehen

Noch 42 Tage und ich bin weg. Weg aus Leipzig, weg aus dem Job, weg in ein anderes Land, einige Monate später dann wenigstens in eine andere Stadt. Es ist in erster Linie aufregend und nur manchmal, ganz selten macht es mir Angst. Die Menschen um mich herum sehen es ähnlich und fragen trotzdem immer wieder: Warum machst du das? Warum kündigst du deinen festen Job für die Ungewissheit? Warum diese und jene Stadt, warum jetzt? – Und ich antworte: Weil man mit 28 noch nicht stillstehen darf, weil ich raus will nach zehn Jahren hier, obwohl es mir immer sehr gut gefallen hat, versteht mich nicht falsch. Weil der Alltag mich auffrisst und kaputt macht, weil ich meine Tage wenigstens für eine Weile mit Dingen verbringen möchte, die mich glücklich machen. Weil ich mir sicher bin, dass sich schon was finden wird dort und weil ich jemanden an meiner Seite habe, mit dem sowieso nicht viel schiefgehen kann.
Ich habe seit fast zwei Jahren keinen Urlaub gemacht, habe viele Wochenenden und viele Stunden gearbeitet. Ich bin nicht undankbar, aber ich will das nicht mehr. Nicht hier, nicht dafür. Ich will was Eigenes, oder ein verdammt gutes Gefühl bei was Anderem. Wenn ich etwas gelernt habe im Leben, dann dass es sich nicht gerne planen lässt und lieber macht, was es will, wenn man es lässt. Mach’ bitte, mach’ es gut und der Rest ist dann auch schon egal. Ich bin euphorisch und krieche die letzten Meter bis zum Ziel, ich verkaufe viel Kram und werde immer leichter. Ich weiß, dass ich das gut kann, mich in fremder Umgebung zuhause fühlen – Hauptsache, die Zahnbürste hat ihren Platz und es gibt genug zum Gutfinden da. ich werde Einiges und Einige vermissen, aber zurückkommen geht immer und es sind schon so viele weg, da macht es nun auch keinen Unterschied, von wo aus ich anrufe oder mich bei Facebook einlogge. Ich werde neues Terrain erobern, gleich zweimal hintereinander und wenn es sich gut erobern lässt, bleibe ich da, in der anderen Stadt im Süden.

So wird es sein. Und wenn ich denke, dass es jetzt aber mal bitte losgehen könnte, höre ich dieses Lied. Der Text tut nicht viel zur Sache, aber die dezente Euphorie passt perfekt. Bald geht’s los!

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