ALLTAG

Entpacken

Und überall stehen Kisten von Obi in Signalorange. Sie riechen ein wenig nach Keller und Zigarettenrauch. Wir haben ja geraucht bevor wir sie vor fünf Monaten eingelagert haben, jetzt rauchen wir beide nicht mehr und ein bisschen ist es deswegen so, als würde man die Sachen fremder Menschen auspacken. Man denkt sich auch: Was ist in diesen Kisten, die ich monatelang nicht geöffnet habe und sehr gut ohne sie leben konnte? Brauche ich die alle? Ist das meins? Die Fragen beantworten sich Kiste für Kiste. Fotos, Bettwäsche, Buntstifte, meine Lieblingstassen und Unmengen Bücher freuen sich über die Freiheit und neue Plätze im neuen Zuhause. Man weiß sofort, was wo stehen soll, alles wirklich Überflüssige hatte man zum Glück beim Einpacken schon entsorgt und jetzt schaut man sich um und dabei zu, wie das Zuhause in der Fremde wächst und sich ordnet. Man kann den Luxus nicht fassen, mit den Händen über Buchrücken zu streichen, die Waschmaschine nebenan surren zu hören oder quer durch die Wohnung zu laufen. So viel Platz, mehr als ein Zimmer zu zweit, keine Mitbewohner, alles unser Terrain. Nicht mehr aus dem Koffer leben, nicht mehr von fremden Tellern essen, keine Türen mehr schließen. Es ist alles da, was man braucht und noch viel mehr. Und das braucht man genauso. Hallo Schreibtisch, hallo Nähmaschine, hallo Wii Balance Board. Durchatmen und wieder ein Nest haben nach einigen Monaten. Dann will man weiter, überlegt, wo’s jetzt wohl hingeht, was man einpackt und wen man trifft. Und dann, ein wenig erschüttert, merkt man, dass jetzt erstmal hiergeblieben wird, am Ziel des vorläufigen Plans. Ein kleines Loch und dann eine weiche Decke, meine Decke. Was fehlt ist jetzt nur noch ein Hund.

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Karl und Susanna

Sie war Küchenhilfe, er Sohn der Wirtshausfamilie in einem kleinen Ort bei Bautzen. Sie war schüchtern, er ein Draufgänger. Sie die Ältere, er ein paar Jahre jünger. Sie verliebten sich, sie heirateten und bauten sich und ihrer Familie ein Haus. Sie pflegten ihre Mütter und Väter und sie kümmerten sich um Haus und Hof, um Bienen, Hühner und Schafe. Sie rackerten, fuhren selbst fast nie in den Urlaub und waren in den Sommerferien doch immer die beste Anlaufstelle für die Enkel aus der Stadt. Damals fuhren wir mit ihnen Fahrrad um die Teiche, gingen baden und kümmerten uns um Felder voller Blumen und Salat. Dann gab es Makkaroni und Eierkuchen. Heute haben sie insgesamt zehn Enkel und sie kennen all ihre Geburtstage auswendig. Sie wissen, was jeder am liebsten isst und kaufen immer reichlich davon ein. Sie lieben es, die ganze Familie am Tisch sitzen zu haben, der sich biegt dabei.
Sie sind die besten Menschen, die ich kenne und heute feiern sie ihren 55. Hochzeitstag. Hut ab, auch dafür!

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Wecker in the City

Die Wände sind dünn, die Straßen vollgeparkt und natürlich steht das Auto mit der defekten Alarmanlage meistens genau vor unserem Zimmerfenster. Der Besitzer steht jedes Mal nach wenigen Minuten daneben, ratlos. Er öffnet die Motorhaube, schließt sie wieder, schafft es kurz, den Alarm abzustellen, schließt die Tür und alles geht von vorne los. Wenn man sowieso schon wach ist, macht es Spaß sich das anzugucken. Und während man den armen Mann bemitleidet, ein bisschen lacht und die Melodie verinnerlicht, denkt man an Ted und Robin. Es gibt Schlimmeres.

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Too young!

Das saßen wir also im Highline Ballroom, einem Konzertsaal in sauberem Industriechic im Meatpacking District. Ja, wir saßen, an einem Tisch, mit Kerze drauf und Besteck. Wenig später kamen Getränke und Burger dazu, Kobe-Burger wohlgemerkt. Um uns herum saßen, mit Verlaub, viele alte Männer und einige alte Frauen, die meisten um die 50. Um Punkt 20 Uhr stand Caitlin Rose auf der Bühne und fragte wie das Essen sei. Sie spielte eine halbe Stunde, die Kellnerin quatschte uns immer mal ins Konzert, dann ging das Licht an. Ich sah ein paar jüngere Menschen an den Rändern des Zuschauerraumes stehen, es waren diejenigen ohne Tisch und ohne Essen, sie waren deutlich jünger als die sitzenden und sie standen den Bedienungen im Weg herum. Ron Sexsmith spielte, die alten Männer nahmen stundenlanges Material mit ihren iPhones auf und bestellten mehr Wein. Der Mann und ich saßen – etwas, das ich mir schon bei vielen Konzerten gewünscht hatte, wir sahen und hörten gut, beide Künstler waren toll und trotzdem dachte ich die ganze Zeit: Ich bin zu jung für den Scheiss!

“Nothing to be worried about”

Fortsetzung (Teil 1 hier)

Wieder saß ich im Wartezimmer der Radiologie, wieder lief “The View” im Fernsehen und wieder war mir etwas mulmig. Die Schwestern lachten über Whoopie Goldbergs Kommentare, surrten zeitgleich meine Kreditkarte durch und verzogen keine Miene als ich die Rechnung über 680 Dollar unterschrieb. “Das bekomme ich ja zum Glück alles zurück”, beruhigte ich mich laut selbst. Es geht hier natürlich nicht ums Geld, aber zurück in Deutschland werde ich es sehr zu schätzen wissen, beim Arztbesuch nicht darüber nachdenken zu müssen. Ich erkaufte mir also zwei Termine in der Radiologie, der erste dauerte etwa zwei Minuten, ich bekam eine Pille und ein Glas Wasser. Die Pille war leicht radioaktiv, nicht stärker als der Prozess des Röntgens. Das Ganze hatte einen Tag Zeit es sich in meinem Körper gemütlich zu machen, dann kam Termin 2. Ich lag eine knappe halbe Stunde unter einem Scan, ganz gerade und ganz still während die Kamera Bilder von meiner Schilddrüse und dem komischen Knubbel darunter machte. Anders als beim letzten Mal durfte ich direkt danach einen Arzt sehen und er sagte den besten Satz der Welt: “Es ist nichts, worüber Sie sich Sorgen machen sollten!”. Puh, yay, große Freude. Es folgte eine kleine Konferenzschalte mit Dr. Chuey und beide Ärzte waren sich einig, dass mir das fehlte, was Dr. Chuey schon nach dem Blutbild vermutete: Ich habe eine leichte Schilddrüsenüberfunktion. Die äußert sich bei mir eben in diesem Knubbel am Hals und erhöhter Hormonkonzentration im Blut. Normal sind desweiteren Hitzewallungen, Stimmungsschwankungen, Appetitlosigkeit und Gewichtsverlust. Das mit den Stimmungen beobachtet der Mann bei mir auch im gesunden Zustand täglich, alles andere kann ich nicht wirklich bestätigen. Auf jeden Fall ist mein Körper gerade leicht hyperaktiv, bekommt ein bisschen Medizin und gut ist’s.

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