Die Nachbarin

Die Nachbarin | Julie Fahrenheit

Sie ist fast 90, sagt sie. Und hätte einiges gesehen. Aber nie ein Fußballspiel im Stadion. Nicht für 1000 Mark, nein, Euro würde sie da hingehen. Sie schaut es sich lieber im Fernsehen an. Den Krieg hat sie erlebt, den zweiten, und die Nachkriegszeit. Dann war so lange Frieden und jetzt wieder Krieg, aber so unberechenbar, das halte sie nicht aus. Sie schaut die Nachrichten und ist oft unterwegs, immer mit dem Rollator. Dumm nur, dass es in unserem Haus zwar einen Fahrstuhl gibt, man aber immer noch ein paar Treppen nehmen muss. Ich habe ihr schon oft angeboten, dass sie klingeln kann, ich bin ja da. Macht sie aber nie. Sie fährt lieber bis zur Tiefgarage und läuft dann die Rampe hoch bzw. runter. Manchmal erwische ich sie vorher und jedes Mal hängt sie danach eine Schokolade an unsere Tür. Sie weiß immer, wie alt das Baby gerade ist. Die Zeit vergeht so schnell, sagt sie. Ihr Sohn ist jetzt auch schon fast 70. Heute haben wir sie an der Bushaltestelle getroffen, “Dachte ich’s mir doch, dass ihr das seid!”. Sie kauft noch selber ein und immer lukt da eine Tüte Werthers Echte aus dem Rollatorkorb raus. Im Winter dachte sie darüber nach, in ein Heim zu ziehen, auch wegen der Treppen. Jetzt ist sie aber immer noch da.

Die Nachbarin | Julie Fahrenheit