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Meine Nina,

vor ein paar Tagen habe ich dich ins Bett gebracht, mich über dich gebeugt, dir einen Kuss gegeben, über deine Wange gestreichelt und “Ich hab dich lieb” gesagt. Darauf hast du zum ersten Mal “Ich dich auch” geantwortet und mir dann in die Nase gekniffen. Zum Glück, muss ich sagen, so musste ich lachen statt in Tränen auszubrechen.
Und heute wirst du zwei. Zwei Jahre. Mein Baby wird zwei Jahre! Aber du bist natürlich keins mehr, ich weiß schon, du korrigierst mich jedes Mal, wenn mir das B-Wort rausrutscht. Zwei Jahre also – und sie kommen mir viel länger vor als 24 Monate. Ich weiß schon, alle sagen immer, die Zeit geht so schnell rum und du wächst tatsächlich in einem rasanten Tempo, gestern noch Baby, heute schon kleine Mitbewohnerin, aber weil hier eben jeden Tag was anderes los ist, fühlen sich diese zwei Jahre eben nach sehr viel mehr an. Ganz abgesehen davon, dass ich mir nicht mehr so richtig vorstellen kann, wie es war, dich nicht zu kennen. Das muss ja ewig her sein!

Als ich diese Zeichnung von der großartigen Anna Lewis sah, standen mir schon wieder fast Tränen in den Augen, es ist alles manchmal einfach zu viel, um es begreifen zu können: dass du in meinem Bauch warst, hilflos in meinen Armen geschlafen hast, deine Arme und Beine unkontrolliert bewegt und dann Stück für Stück so viel gelernt hast, wie wahrscheinlich nie mehr in deinem Leben in dieser Geschwindigkeit. Jetzt können wir uns auf einmal unterhalten, auch wenn ich manchmal die einzige bin, die dich ganz genau versteht (und manchmal schaff ich es auch nicht und dann sagst du “Nein, Mama!” als würde ich mich unnötig anstellen), wir können zum Supermarkt laufen, ohne Kinderwagen, ohne alles und wir können zum Spielplatz gehen, ohne dass ich helikoptern muss, weil du dich schon gut alleine kümmern kannst. Du zeigst deinen Charakter, rastest grundlos aus, lachst im nächsten Moment wie hysterisch und sagst zum kleinsten Anlass “Danke” oder sogar “Danke, Mama”, als hätte ich es dir eingetrichtert (hab ich nicht, ich schwör’s!).

Ninchen, du wirst immer mehr zu dem Menschen, den ich schon immer hab durchblitzen sehen. Endlich hast du die Mittel, dich genauer auszudrücken und uns zu zeigen, wer du bist. Lustig bist du, so lustig, und entspannt und in dir ruhend, immer schon. Du bist sensibel, aber nicht ängstlich, offen gegenüber alles und jedem, allerdings auch erstmal skeptisch, wenn du etwas noch nicht ganz verstehst. Du bist dankbar und vernünftig, leicht zu begeistern und sehr kitzlig. Du bist konzentriert und albern, klug und wunderschön. Du umarmst Elliott, solange er es zulässt, führst ihn sogar schon an der Leine durchs Viertel, isst am liebsten Nudeln mit Butter, (vegetarische) Wurst, Äpfel (am Stück) und Kinderriegel, Schokobons auch. Ich bin ganz ehrlich, dass ich es manchmal vermisse, dich immer ganz nah bei mir zu haben und mich ein kleines bisschen freue, wenn du fiebrig in meinem Arm einschläfst (sorry!), aber noch schöner ist es, dich wachsen zu sehen. Und ich rede nicht von Hosen, die zu kurz werden, ich rede von deinem Kopf, der Unglaubliches veranstaltet, wirklich alles versteht und Zusammenhänge findet, wo ich es niemals erwartet hätte. Du stellst hunderte Fragen. Du legst deine Arme um meinen Hals, wenn dir danach ist und irgendwie ist das fast noch besser als dich im Arm zu halten, weil jetzt alles aus dir rausbricht, was da schon immer geschlummert hat. Du bist die Coolste von allen, wirklich wahr, warum sonst laden dich deine Kindergartenfreunde zu ihren sechsten Geburtstagen ein?! Weil du kein Baby, sondern Nina bist – und die will man einfach um sich haben!

Ninchen, ich hatte ja keine Ahnung damals vor zwei Jahren und einem Tag. Keine Ahnung, wie du sein würdest, wie du riechst, klingst, aussiehst. Und keine Ahnung, dass es tatsächlich das Schönste und irgendwie auch Selbstverständlichste sein würde, dich hier bei uns zu haben. Ich liebe deine Mimik, deine verschmitzten Augen, deine Logik, deine Hingabe und wie du mir früh in der Kita zu verstehen gibst, dass ich mich nochmal runterlehnen soll um dir den Abschiedskuss zu geben. Ich versuche ruhig zu bleiben, wenn deine Stimmung schwankt, und dich immer auf den Arm zu nehmen, wenn du möchtest. Irgendwann wird das nicht mehr gehen und ich mag gar nicht dran denken… Ninchen, wir hüpfen hier einfach weiter von Stein zu Stein, ja? Und schauen unterwegs immer wieder, wie es uns geht, wer wir gerade sind und ob das alles so passt, okay? Und wenn du launisch bist, dann bin ich die letzte, die da kein Verständnis hat und ich versuche meine Launen solange in Grenzen zu halten, damit du dich austoben kannst. Ich verspreche dir einmal mehr, immer für dich da zu sein und auf dich aufzupassen, dir zu helfen, wo du Hilfe brauchst und dich machen zu lassen, wo du es alleine kannst, auch wenn du die Hose falschrum trägst. Dein Vater und ich sehen uns manchmal an, um ohne Worte zu rufen: “Schau sie dir an, was sie JETZT schon wieder macht!”. Du bist die Freude unseres Lebens! Vorgestern waren wir nochmal in der Herbstsonne Eis essen, das Wetter war genau so traumhaft wie vor zwei Jahren und du wusstest genau, dass du Schokoladeneis willst (wie immer!) und dass wir uns gegenüber der Eisdiele auf die Treppe setzen und uns gegenseitig probieren lassen. Ich musste ein paar Fotos machen, wie du da in deinem Geburtstagskleidchen sitzt, so groß und selbstbewusst und glücklich. Und so um mich besorgt, dass ich jetzt mal bitte mein Eis essen solle und nicht nur Fotos machen. Dann hast du mich kosten lassen, mich ungefähr zwanzig mal angelächelt und dann sind wir Hand in Hand weitergelaufen. Mein Herz quillt über in solchen Momenten, so klein, so groß.

Also, mein Schatz, hier ist dein Mickey Mouse-Luftballon und der Teddy, den du dir gewünscht hast, hier sind zu viele Gäste in unserer zu kleinen Wohnung, Schokolade und Musik. Hab einen wunderschönen Geburtstag und ignorier mich einfach, wenn ich ganz kurz in meinen Schampus weinen muss. Es sind Freudentränen. Ich liebe dich einfach so sehr,
Deine Mama

 

 

 

Die Illustration ist von Anna Lewis und kann als Print bestellt werden <3 (hab ich mir zu Ninas Geburtstag geschenkt)

-> Briefe an Nina zur Geburt, mit sechs Monateneinem Jahr und anderthalb Jahren

 

Und weil Einige gefragt haben: Ninas Kleid gibt es bei Boden drüben

 

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