Zug fahren

Der Hund zahlt voll bei der Deutschen Bahn, wahrscheinlich wollen sie, dass nicht so viele Hunde mitfahren, einen Maulkorb muss er auch dabei haben. Abgesehen davon ist es immer wieder so eine Freude Zug zu fahren. Einsteigen, einrichten, entspannen. Das Kind wird durch den Mittagschlaf geschaukelt, der Mann liest ein Buch und ich mache das, was ich am liebsten mache: ich schaue aus dem Zugfenster, höre Musik und drehe im Kopf meinen eigenen, kleinen Clip. Dabei kann ich dann über alles nachdenken, was noch unnachgedacht im Kopf rumliegt und wenn ich damit fertig bin, ein bisschen rumerinnern. Früher sind wir oft Zug gefahren, von Brandenburg, der Stadt in Brandenburg, nach Bautzen in Sachsen. Heute ist das keine weite Strecke, damals waren es Welten. Wir saßen gefühlt stundenlang im Zug, Meine Mama, mein kleiner Bruder im Kinderwagen und ich, natürlich aus dem Fenster schauend, aber noch ohne Musik auf den Ohren. Stattdessen saßen im Abteil immer Omis, die von einem Besuch in Westberlin nach Hause fuhren und mich mit Bonbons verwöhnten. Ich erfragte immer noch eins für meine Mutter, das sie ihr eher wiederwillig gaben und am Bahnhof hat uns Opi abgeholt, mit Schokolade und Limo. Jedes Mal hat er gefragt, was wir unterwegs so gesehen haben und am meisten hat er sich immer gefreut, wenn es Rehe waren. Ich weiß gar nicht genau warum. Aber je mehr Rehe zwischen Brandenburg und Bautzen auf Wiesen rumstanden, desto besser. Er hat sich gefreut und ich habe immer schon unterwegs geschaut, ob wie hoffentlich wieder ein paar entdecken. Wenn ich also jetzt ein Reh sehe, ist diese Freude schon einprogrammiert und immer denke ich an Opi und dass ich, würde er noch leben, ihn gerne sofort anrufen würde. Wenn das Kind wieder aufwacht, werde ich ihm davon erzählen und auf den nächsten Bahnfahrten werden wir zusammen Rehe suchen.

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