Where is the love?

Where is the love? | Julie FahrenheitIn zwei Wochen bin ich zu einer Podiumsdiskussion eingeladen, das Thema ist “Glaube”. Was ich da zu suchen habe? Genau das war meine erste Frage an die nette Frau am Telefon. Ich gehe nicht in die Kirche, ich bin nicht mal getauft. Ich glaube an keinen Gott und auch wenn ich mir an Tagen wie St. Martin oder Weihnachten ein bisschen mehr Backround wünschen würde, komme ich sehr gut ohne ihn klar. An irgendetwas muss man ja aber glauben und bei mir ist es – Achtung, jetzt wird es pathetisch – das Gute. Und Schicksal. Schicksal ist Zufall, also glaube ich daran, dass am Ende schon alles gut werden wird. Diesen Optimismus habe ich von meinen Eltern, vor allem meinem Vater, gelernt, der sogar meinem Schrotten des Familienautos etwas Gutes abgewinnen konnte. Oder der Ablehnung meiner Bewerbungen damals als Berufsänfängerin. Du wirst schon sehen, schrieb er mir in einem Brief, dass sich später etwas ergeben wird, das besser zu dir passt und dich weiter bringen wird. Er hatte natürlich recht und generell lebt es sich mit dieser Zitronenlominadeneinstellung auch sehr angenehm. Meine Trauerphasen sind meistens recht kurz und auf Regen folgt immer Sonnenschein. Ich klinge ein bisschen anstrengend, oder? Happy go lucky. Aber meine Freunde behaupten, das sei eine wirklich schöne Eigenschaft an mir, ehrlich wahr. Die Dame am Telefon nun sagte, dass ich als Bloggerin eingeladen sei. Ich solle über das Internet als Glaubensersatz sprechen, weil doch heute kaum mehr einer in die Kirche ginge, und auf dieser Veranstaltung seien neben mir noch Soziologen, Theologen, Politiker und Journalisten. Ach du meine Güte! Ich liebe den Nervenkitzel, also sagte ich zu und machte mir schonmal Gedanken.

Auf den ersten Blick ist es einfach. Die Amerikaner nennen es Community und meinen damit die Kirchgemeinde genauso wie die Leute im eigenen Viertel und eben auch die Menschen, mit denen wir im Netz kommunizieren. Ich könnte also sagen, dass meine Follower bei Instagram und die Leute, denen ich folge, meine Lieblingsblogger und Ihr, die Ihr diesen Blog lest, dass alle zusammen genommen, meine gar nicht mal so kleine Gemeinschaft sind. Eine schöne Vorstellung und ist es nicht wirklich super, was hier alles möglich ist! Wir treffen Menschen vom anderen Ende der Welt oder der anderen Straßenseite, wir unterhalten uns über Hunde, Musik und sogar über Politik, das ist doch alles ganz fantastisch und erweitert meinen Horizont so enorm, wie es sonst nur Reisen können. Ich mag meine Community und sie mag mich und ich habe ernsthaft schon Leute bei Twitter geblockt und bei Facebook entfreundet, weil sie dummes Zeug geschrieben haben, das mir nicht passte. Und genau das ist ein Problem. Denn in jeder guten Community, die außerhalb des Internets existiert, gibt es verschiedene Meinungen und Einstellungen und jeder muss Wege finden, damit klar zu kommen. Nicht miteinander reden ist einer davon, es doch zu tun sicher der bessere. Auch wenn es natürlich in den wenigsten Fällen dazu führt, dass sich Meinungen profund ändern. Meine Cousine zum Beispiel ist immer noch meine Cousine und auch noch meine Facebook-Freundin, auch wenn sie offen die NPD wählt (Ich habe viele Cousinen, was ich hier schreibe, ist also fast anonym). Ich habe unter jeden ihrer Posts kommentiert und jetzt postet sie fast nichts mehr. Hach, wenn ich herausfinde, wie ich sie vom Guten überzeugen könnte, sage ich Bescheid. Es ist nicht einfach und beim Internet hört es ja noch lange nicht auf. Manchmal ist es schwer, daran zu glauben, dass alles gut wird.

Wie viele hatte ich Angst vor der Wahl in den USA und letzte Nacht habe ich von Trump geträumt. Es macht mir Angst, dass ein so unverhohlenes Arschloch eine Wahl gewinnen kann, was sagt das denn bitte über das Gute im Menschen aus? Ich lese dann, dass seine Wähler auch wirklich keinen Dummen sind und tatsächlich ein Herz haben, aber ich kann es nicht glauben. Was dieser Mann alles gesagt und getan hat! Und Clinton sei die Pest zu dieser Cholera gewesen? Was für ein schiefes Bild! Ich glaube, dass bei dieser Wahl eine große Portion Sexismus (ausführlicher noch in diesem Text) ausschlaggebend war und auch Angst, diese verdammte Angst. Ich schäme mich ein bisschen, auch wenn ich gar nicht mitgewählt habe. Die USA sind mir nah und ihr Einfluss auf den Rest der Welt ist enorm, es geht uns alle also sehr wohl etwas an und nein, ich werde mich nicht beruhigen, wie es schon wieder die ersten fordern. Erstmal schauen, was er so macht, nein, ich habe Angst, was diese Wahl jetzt alles auslöst. Im nächsten Jahr ist Bundestagswahl und wer die Klappe am Weitesten aufreißt, gewinnt, oder wie? Ich überlege, was ich tun kann. Trete ich in eine Partei ein? Schreibe ich den Link zum Wahl-o-Mat an jede Wand, die ich finde? Oder rede ich wieder mehr mit meiner Cousine? Ich weiß es nicht, am besten mache ich alles und noch viel mehr. Ich werde Angela Merkel zum Beispiel nie wieder “Mutti” nennen, auch wenn es lustig ist, weil das ist es eigentlich nicht. Und ich möchte diese meine Seite mehr für Texte wie diesen benutzen, so politisch ich eben sein kann.

Seit ein paar Tagen habe ich einen Ohrwurm und ich habe ihn mir wirklich nicht ausgesucht: “Where is the love” von den Black Eyed Peas. Ausgerechnet Fergie singt ihn mir immer wieder vor. Der Text ist sogar okay, bis auf die Zeilen, in denen es um Gott geht. Weil ich nicht glaube, dass uns irgendjemand helfen kann da oben oder da unten oder von da drüben. Wir müssen das schon selber machen. Und keine Angst haben. Weil am Ende doch immer alles gut ausgeht. Und weil es so schlecht auch alles gar nicht ist. Da dürfen wir uns nicht mit reinziehen lassen in diesen ewig konservativ Gestrige von den besseren Zeiten. Es sind gute Zeiten, in denen wir leben, es geht noch besser, klar, aber gerade uns geht es verdammt gut.

Was sage ich also bei dieser Podiumsdiskussion in zwei Wochen, wenn es darum geht, woran ich glaube? Nun ja, meine Strategie ist noch nicht ganz ausgereift, aber ich werde wohl so tun als hätte ich einen Frosch im Hals.

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