Fuck this!

oder: Wir gehen in die Kinderkrippe

Fuck this! oder: Wir gehen in die Kinderkrioppe | Julie Fahrenheit

So habe ich mir das nicht vorgestellt. Ich hatte gescherzt über meine Tränen, ja schon, aber dass ich dann da heulend auf der Parkbank sitzen würde, das habe ich mir so nicht ausgemalt.

Zum Glück, muss man ja sagen, ansonsten hätte ich sie nie in der Kinderkrippe angemeldet und hätte mich nicht so sehr darüber gefreut, dass wir einen guten Platz in der Nähe ergattern konnten. Ich hätte meinen Job weiter auf Eis gelegt und mich als vorübergehende Hausfrau eingerichtet. Das wollte ich aber nie und deswegen ist es schon ganz gut, dass ich etwas blauäugig an die ganze Krippensache rangegangen bin. Das gilt ja für fast alles im Leben, erstmal reinstürzen, wird schon, und es dann irgendwie hinkriegen.

Und dann sitze ich eben weinend auf der Parkbank und fühle mich wie die Definition einer Rabenmutter, während sie das erste Mal für zwei Stunden allein da drin ist und mich der Hund verständnislos anschaut. Ich weiß, ich weiß, es geht ihr gut, die Erzieherin ist sehr nett und die anderen Kinder auch. Sie hat ja in der ganzen ersten Woche nicht einmal geweint, nicht beim Kommen, nicht beim Gehen, nicht beim Wiedersehen. Ein Erfolg. Wobei ich schon etwas beleidigt bin, dass sie mich so gar nicht zu vermissen scheint. Aber so weine ich eben für uns beide und verstehe gerade gar nichts mehr. Es war doch immer sonnenklar für mich, dass die Krippe unsere erste Wahl nach einem Jahr Halligalli sein wir. Ich bin ja selbst hingegangen, mein Bruder auch, meine Mutter ist gar Teil des Systems und arbeitet seit rund 35 Jahren (!) als Erzieherin. Ich vertraue ihm, dem System, und ich bin mir sicher, dass es gut für mein Kind ist, andere Kinder um sich zu haben und von ihnen zu lernen. Und dass es gut für mich ist, arbeiten zu gehen und da weiterzumachen, wo ich aufgehört habe, aber wo noch lange nicht Schluss sein soll.

In der Theorie ist mir das alles sternenklar und wahrscheinlich trifft es mich deswegen etwas unvorbereitet, dass ich jetzt so strauchele. Jetzt tut es mir weh, sie nicht immer um mich zu haben. Es tut mir leid, dass sie jetzt ihr Morgennickerchen abbrechen muss, weil wir schon da sind und dass sie mit elf Monaten schon das Konzept Wochenende kennenlernt. Sie mag zwar Strukturen und Rituale, aber dass sie jetzt die nächsten 18 Jahre in dieser Mühle drinsteckt, ist schon etwas hart, oder? Es reißt mich raus aus unserer Elternzeitblase, in der sich der Tag so gut es ging (und wo es Sinn ergeben hat) nach ihr gerichtet hat. Ich habe sie in diesen Monaten zum Beispiel nicht einmal geweckt, Schlaf ist ein sehr ernstes Thema in dieser Familie und könnte ich es mir aussuchen, ich würde auch immer nur aufwachen wollen, weil ich ausgeschlafen bin. Und überhaupt, die vielen Kinder da in ihrer Gruppe… unmöglich, da auf alle gut zu achten, oder? Da steckt sich doch immer einer ne Murmel ins Ohr, oder nicht? Am liebsten würde ich mit einziehen, als Kuscheltier in der Ecke sitzen, sie beobachten und da sein, wenn sie kuscheln möchte.

Und jetzt? Werde ich doch Hausfrau oder müssen wir da jetzt durch? Ich schließe ersteres aus und sehe für letzteres keine Alternative. Klar ist, dass ich vor der Tür stehen werde, sobald ich Feierabend habe und dass ich ganz genau schauen werde, wie es ihr bei allem geht, klar. Wahrscheinlich ist das auch alles eine ganz gute Maßnahme, damit aus mir keine Helikoptermutter wird. Das ist mir fast noch wichtiger als dieses Rabenmutterding.

Tief durchatmen.

Noch sind wir ja in der Eingewöhnungsphase und ich hoffe, dass die noch lange dauert. Ich brauche bitte noch ein paar Wochen, bis ich sie da so richtig abgeben kann. Der kleine Rucksack, den wir gekauft haben, hängt noch an der Garderobe, noch ist das alles hier eine Übung, noch ist es nicht ganz Ernst. Auch wenn es sich verdammt ernst anfühlt.

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