Regretting Singlehood

Enjoy | Julie Fahrenheit

Wann hört das eigentlich auf? Wann sagt mir niemand mehr, dass ich das jetzt genießen soll, weil bald alles schlimmer wird? Wann ist Schluss mit diesem “Freu dich nicht zu früh!”?

In genau einem Monat endet meine Elternzeit bzw. deren fauler Teil. Dank Elterngeld Plus, das es seit letztem Juli gibt, bekomme ich noch ein paar Monate länger Geld und gehe in homöopathischen Dosen wieder arbeiten, während das Baby die Krippe besucht. Überflüssig zu sagen, dass ich diesen letzten Monat Heimeligkeit sehr genieße, bevor bald der Alltag losgeht. Noch sehe ich mich nicht mit dem Rücken zur Krippe, mein Baby zurücklassend bei seiner sicher netten Erzieherin und den sicher tollen Kindern. Ich weiß, dass es Zeit für sie ist, den Tag mit anderen kleinen Menschen zu verbringen, aber ein bisschen bricht es mir das Herz.

Ich genieße also diesen Monat ein bisschen extra. Und sowieso hat man mir noch nie so oft geraten, etwas zu genießen wie ab dem Zeitpunkt, als ich ein Baby erwartete. Ich sollte meinen Körper noch ohne Bauch genießen und dann den Bauch, in dem das Baby drin, aber noch nicht draußen ist. Den Schlaf sollte ich noch genießen, das Lümmeln auf der Couch, dann die Tage, in denen das Baby noch hauptsächlich rumliegt und später die, bevor es krabbelt/zahnt/spricht. Immer scheint da noch etwas Knallhartes auf mich zu zukommen und noch nie klang “genießen” so sehr nach Armageddon, so wenig nach tatsächlichem Genuss. Was sie nämlich eigentlich sagen wollen: Freu dich nicht zu früh! Jetzt gerade ist vielleicht alles gut, du kriegst es hin und lächelst noch. Aber das wird noch ganz anders, denn bald wird sie über dich hereinbrechen, die knallharte Elternrealität!

Nun weiß ich mit meinen neun Monaten natürlich noch nicht sehr viel vom Elternsein, ich bin noch Anfängerin und improvisiere mich hier so durch. Ich weiß nur, dass es bisher nie so schlimm kam wie befürchtet. Also von den anderen befürchtet. Ich selbst hatte meistens das Gefühl, dass das schon alles werden wird und fühlte mich gleichzeitig naiv und im Recht. Und bisher war wirklich alles halb so wild, kein Traumschloss ist eingestürzt und auf keinen Genuss folgte das Chaos. Ich habe gern Recht und könnte jetzt trotzdem die obligatorische “Es gibt auch anstrengende Momente”-Relativierung hier hinschreiben, widerstehe aber der Versuchung. Das Leben ist kein Ponyhof, das mit Baby auch nicht. Punkt. Obwohl… Kann es vielleicht sein, dass alles ein bisschen besser wird mit Kind? Dass es die größte Freude überhaupt ist, diesem kleinen Wicht beim Wachsen und Lernen zuzuschauen, Ähnlichkeiten zu uns und den Großeltern und sogar den Urgroßeltern festzustellen und mit Mama angesprochen zu werden (ganz neu, ich kann es jedes Mal kaum fassen, dass ich gemeint sein soll)? Das wäre eine ganz neue Theorie und auch wieder nicht. Denn diese Warnungsratschläge speisen sich ja aus der angeblichen Heile-Welt-Seligkeit junger Eltern, dem unterstellten Nichtsagen und Vorenthalten der negativen Seiten. Seit einer Weile sagen also alle ganz ehrlich und schonungslos, wie doof das alles wird und treffen es damit genau so wenig. Weil – wie immer – Verallgemeinerungen nicht greifen. Frauen sind so, Männer so und Babys so, bah, ich hasse nichts mehr! Denn – wie immer – ist es nicht so einfach. Ich hatte zum Beispiel gar nicht so oft Babykotze auf der Schulter. Und jetzt? Kann ich gar nicht berichten, wie ungewaschen ich aussah. Muss ich mir da jetzt was einfallen lassen oder darf das so? Nicht falsch verstehen, ich werfe niemandem vor, dass er Schlechtes aus dem neuen Leben berichtet, ich mag nur dieses “Jetzt sagen wir es doch mal so, wie es ist” nicht.

Bei mir ist es nämlich so: Ich gehe selten nach 21 Uhr ins Bett, räume vorher das Spielzeug weg und kann im Bett nicht mehr lesen, weil direkt daneben das Baby schlummert. Aber: Ich schaffe es regelmäßig zu bloggen, lese Zeitung und Bücher (sehr langsam und mit Unterbrechungen), schaue sehr viel weniger fern (was ich fast als positive Veränderung empfinde), gehe noch mehr spazieren und Kuchen essen als vorher, lackiere mir die Nägel und snapchatte. Das soll keine Angeberei werden, nur eine kleine Beruhigung für alle, die vielleicht gerade schwanger sind und ein bisschen Angst davor haben, wie das wohl so werden wird.

Das Beste: Ich habe jetzt immer und überall meinen kleinen Sidekick dabei, diesen immernoch neuen und schon so vertrauten Menschen, den ich so sehr liebe, dass ich sogar mein Balabeni-Schokoeis mit ihm teile (!). Die Elternzeit war und ist ein Luxus für mich. Ich sehe Freunde in anderen Ländern und fühle mich, als hätte ich die Lotterie gewonnen: Ich darf monatelang Zeit mit meinem Kind verbringen, während in den USA oder Frankreich oder sonstwo nach sechs Wochen oder drei Monaten Schluss damit ist. Ja, ich vermisse die Arbeit und ja, ich habe an manchen Tagen zu viel Leerlauf im Kopf. Ich verstehe auch nicht, warum ich in dieser Elternzeit so gar nichts arbeiten darf (eine komplizierte Regelung meines Arbeitgebers) bzw. jeder Job, den ich als Freie an Land ziehe, vom Elterngeld abgezogen wird. Es gibt da insgesamt sicher noch ein paar Dinge zu verbessern. Aber alles in allem finde ich das System doch sehr gelungen. Mein Kind und ich sind zum Beispiel krankenversichert, obwohl ich seit Monaten nichts einzahle. Luxus! Und hätte der Mann nicht den Job gewechselt als es kam, hätte er auch mehr als die zwei Monate Elternzeit am Anfang gemacht, ehrlich wahr. Es klappt halt nicht immer alles so, wie man es plant, das ist mit Baby auch nicht anders als ohne. Und so bin ich jetzt zehn Monate raus aus dem Job, von denen ich hoffe, sie werden sich nicht negativ auswirken auf alles, was da jetzt kommt. Höchstwahrscheinlich wird auch diesmal alles nicht so wild. Es wird schlechte Tage geben, wie vorher auch, und das Wochenende wird nie wieder so faul sein, schon klar. Aber vielleicht machen wir auch einfach immer weiter und schätzen uns glücklich mit unserem kleinen Leben und seinen beruhigenden Wellenbewegungen.

Was will ich jetzt mit all dem sagen? Ganz einfach: Dass das Leben mit Baby wunderschön ist und gar nicht so anders und vor allem nicht schlimm, was sicher nicht für alle gilt, aber für mich. Dass man am besten auf sich selbst hört, auf Ratschläge zwar auch, aber dann trotzdem macht, was man will, das ist ja das Tolle am Erwachsen sein. Und dass man alles genießen sollte und zwar in vollen Zügen.

Enjoy | Julie Fahrenheit

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