6 Monate

by NANA ILLUSTRATION

 

Mein liebes Ninchen,

da dachte ich, für deinen Namen gebe es keine Verniedlichung und dann das. Aber du trägst ja mittlerweile auch ab und zu rosé… Prinzipien sind da, um mit ihnen zu brechen. Merke dir das!
Sechs Monate also. Puh. Schon? Erst? Ich habe gar kein Zeitgefühl mehr. Nicht nur, weil hier Dauerurlaub herrscht (keine Angst, Mama geht bald wieder arbeiten), sondern weil es das Wort Alltag mit dir sowieso nicht mehr gibt. Jeder Tag ist anders und ich kann voller Freude (und etwas Erleichterung) sagen: jeder Tag ist schön! Manche sind schöner als andere und einige wenige sind nur ein ganz klitzekleines bisschen schön, aber dass das Leben mit dir so voller Leichtigkeit und Freude sein würde, hätte ich mir in meinen wildesten Träumen nicht ausmalen können. Vielleicht liegt es daran, dass dein Papa und ich abends eh schon ziemliche Sofatiere sind, aber uns fehlt nichts mit dir, kein Ausgehen und kein gar nichts. Nur dass du das weißt. Ich vermisse dich, wenn du nicht da bist und bin trotzdem abends immer ganz froh, wenn du eingeschlafen bist und ich schnell was tippen oder Nägel lackieren kann.
Wir haben Glück mit dir! Die Hebamme wusste es schon kurz nach der Geburt: “Schwere Kinder sind entspannter, ausgeglichener.” Sie sollte Recht behalten. Das bist du alles. Dazu noch unglaublich wach und interessiert an allem, du beobachtest ganz genau, manchmal auch nach innen, du ruhst in dir, lachst ohne und mit Grund und brabbelst als hättest du viel zu erzählen. Wir verstehen uns aber auch so schon ganz gut, finde ich. Wenn du müde bist zum Beispiel, dann ziehst du dir am Ohr. Und später kicherst du im Schlaf. Eh so ein Thema, schlafen. Meistens kannst du das richtig gut und an solchen Tagen ist alles sehr leicht. Und nicht so leicht, wenn wir beide wenig Schlaf bekommen haben. Gott sei Dank (und ich wiederhole GOTT SEI DANK) gibt es mehr gute als müde Tage, auch wenn das Wort “ausschlafen” mit dir eine ganz neue Bedeutung bekommen hat. Aber so hat man mehr vom Tag, richtig? Achso, dieses in den Schlaf wiegen in unseren Armen, das müssten wir dann langsam mal beenden, du wirst nämlich immer schwerer. Was gut ist, versteh mich nicht falsch.
Neulich hat mich jemand “Mama” genannt und ich habe mich gar nicht angesprochen gefühlt. Weil es irgendwie nicht wie bei den Anderen ist, denen man beim Eltern sein zuschaut, wir sind immer noch wir und mit dir eine Familie, zu der ich so gerne gehöre! Ich bin natürlich trotzdem deine Mama, aber so richtig glauben kann ich es wahrscheinlich erst, wenn du mich so nennst. Sag’s keinem weiter, aber ich fühle mich mit dir nicht erwachsener oder wie meine eigene Mutter, auch wenn ich sie jetzt viel besser verstehe. Ich soll dir von ihr, also deiner Oma, übrigens ausrichten, dass du dir deine Socken bitte nicht ständig ausziehen sollst, du verkühlst dich sonst!
Ach Ninchen, ich bin so froh. Dass du wächst, gesund bist und zufrieden. Dass du jeden Tag ein bisschen anders aussiehst und was Neues lernst. Zwar bin ich jetzt gefangen in einem komischen Mix aus permanenter Nostalgie und Vorfreude, meistens aber – und dafür danke ich dir sehr – bin ich ganz im Moment, im Hier und Jetzt, weil das immer noch am Schönsten ist. Dir beim lernen zuschauen, ist das Beste. Zum Beispiel sind deine Spuckebläschen wirklich allererste Sahne, nur bitte nicht mehr beim Karottenbrei essen, ja? Oder wenigstens nicht, wenn ich was Weißes anhabe. Danke. Ich bin froh, dass du deine ganze Familie und alle Freunde um den kleinen (wirklich sehr kleinen) Finger wickelst und wir jetzt öfter Besuch haben als vorher. Und froh, dass wir dank deines sehr gut ausgesuchten Geburtsdatums einen Krippenplatz haben. Auch wenn ich mir heute noch nicht vorstellen kann, dich in ein paar Monaten dort täglich abzugeben. Was soll ich denn den ganzen Tag machen ohne dich? Wer geht mit mir bummeln, spazieren, ins Museum, wer macht mit mir Mittagsschlaf und lacht mich den ganzen Tag an? Meine Kollegen werden es schwer haben!

Aber das ist alles noch weit weg, wir genießen jetzt erstmal den Frühling und den Sommer, essen Eis und machen ganz viel Quatsch, fahren und fliegen ein bisschen rum und genießen das Leben. Das ist mit dir nämlich das beste, danke dafür!

Deine Jul, äh, Mama

 

 

Bild von Nana Illustration

 

 

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